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“SelFish “

Zur Eröffnung einer Ausstellung von Cordula von Heymann und Nina Kozelj in der Galerie Zweig (Bremen-Borgfeld) am 21. Mai 2015

“So sehr nun die Bremer wahrhaft nützliche Kenntnisse schätzen und zu befördern suchen, so wenig macht hier ein Windbeutel oder Abentheurer mit brotlosen Künsten sein Glück.” – So klar urteilte in einem Brief von seinem Besuch an der Weser anno 1792 der Freiherr Knigge über den kühlen Kopf der Bremer. Umso schöner ist, dass es heute in der alten Hansestadt eine junge Galerie gibt, die den sog. “brotlosen Künsten” Zugereister Raum lässt. Wir sind umgeben von einer Gemeinschaftsausstellung der Künstlerinnen Cordula von Heymann und Nina Kozel(j). Cordula kehrt hierher zurück, wo sie 25 Jahre gelebt und Freie Kunst an der Bremer Hochschule studiert hat. Seit zehn Jahren lebt sie jetzt an der Saar. Mitgebracht hat sie die junge slowenische Bildhauerin Nina Kozelj, zur Ausstellung “SelFish”. Zu diesem durchaus rätselhaften Titel später mehr! Schauen wir aber erst mal hin:

Nina Kozelj hat – unübersehbar – eine beträchtliche Skulptur in die Mitte des Raumes gestellt, ein nahezu lebensgroßes Pferd aus flexiblem durchsichtigem Material, das seltsam und unüberhörbar seufzend atmet. Im Körper des Tieres sind viele, sacht sich bewegende schwarze Kugel zu sehen, die fast an überdimensionalen Fischlaich erinnern. Das Mischwesen ist ein Mitbringsel aus ihrer slowenischen Heimatstadt Ljubljana. Da beide Künstlerinnen von weit angereist sind, ist die flexible Material-Lösung “aufblasbar” höchst sinnvoll, allein schon, weil sie für den Transport einer veritablen Bronze wohl einen Pferdeanhänger gebraucht hätten.

Cordula von Heymann – kurz Cordue – hat rings um das Skulpturen-Objekt farbige Siebdrucke arrangiert. Thematisch verwendet sie gern Fundstücke aus Alltag und Haushalt, u. a. Bilder aus alten Fotoalben, Einkaufsnotizen und Merk-Zettel. Die geheime Poesie solcher “Arte Povera” aus vorgefundenen Materialien des sog. “Trivialbereichs” hat sie hat schon bei ihrem Bremer Lehrer Rolf Thiele kennen gelernt. Und mit seriellen Techniken – also der Wiederholung und Gruppenbildung – setzt sie sich seit langem auseinander. In den letzten Wochen hat sie entschieden, dass das Motiv des leibhaftigen Fisches in abgewandelter, reduzierter, verfremdeter Form in ihren Siebdrucken auftauchen sollte. Da Cordue – gerade beim Herstellen ihrer Siebdrucke – häufig mit Alltags-Elementen und -Utensilien arbeitet, ließ sie ihre Gedanken zum Thema Fisch um alles Mögliche und Unmögliche rund um den Fisch kreisen. Sie sammelte alte, handgeschriebene Rezepte, deren Abbilder sie den Drucken einverleibt hat. Cordue war im letzten Jahr zwei Monate zu Gast in Ljubljana und Kamnik, wo sie auf den Flohmärkten Kochbücher und handschriftliche Rezepte gesammelt hat – “fliegende Blätter”, vorwiegend handgeschrieben und mit Soßenflecken verschönt – auch die gehören ins Rezept der Schau.

Beide Künstlerinnen haben einen monatelangen Denk-, Austausch- und gemeinsamen Produktions-Prozess hinter sich. Dabei ist wohl auch, teils phantasierend, teils beobachtend, Ninas atmendes Pferd auf die Welt gekommen. So haben wir es nun hier mit einer Symbiose von Säuge- und Flossentieren, Wiese und Wasser zu tun. Dabei mussten auch durchaus knifflige Fragen gelöst werden: Warum gefriert Wasser von der Oberfläche her? Warum halten Fische sich eigentlich, wenn es sehr kalt ist, ganz am Boden der Teiche auf? Und warum ist auch Salzwasser am Meeresgrund wärmer als an der Oberfläche? Fragen über Fragen, auf die diese Ausstellung Antworten liefern kann.

Cordue ist auf einen sehr denkwürdigen Fisch gestoßen – und zwar bei der Lektüre des Freiherrn Knigge und dessen Bericht über ein Abendessen im “unterirdischen Bacchustempel des Bremer Ratskellers”. Der Freiherr schildert da freimütig ein leider wenig schmackhaftes Fisch-Gericht: “frisch gebratenes Neunauge, welches mir aber – im Vorbeygehen zu sagen – eine ungesunde und nicht einmal wohlschmeckende Kost zu sein scheint.” Neunaugen sind aalartige Fische, die bis zu einem Meter lang werden können. Sie heften sich an ihre Opfer (meist Fische), raspeln sich mit ihren Zähnen durch deren äußere Hülle und ernähren sich dergestalt vom Blut ihres Wirts. Das Flussneunauge (lateinisch: Lampetra fluviatilis) gehört zu jenen – inzwischen unter Naturschutz stehenden – lebenden Fossilien, die zwischen Süß- und Salzwasser pendeln. Und in ihre Bremer Ausstellung hat Cordue einige – durchaus hässliche – Abbilder von Neunaugen eingebracht. Das uralte Urviech zwischen Wirbelwesen und Fisch, ein Räuber, der in Meer und Fluss – auch in der Weser – lebte. Das Gründeln der frierenden Winter-Fische ist auch insgeheim zugegen.

Und so kamen wohl auch eigene Erinnerungen an die Vergangenheit ihrer Bremer Jahre mit ins Spie, gemischt mit einem Traum: sie saß mit ihrer jungen Künstlerkollegin Nina im Dachgeschoss ihres Altbremer Hauses, umgeben von jeder Menge Alltags-Kram – von Kaffeekanne bis Toaster und Bügeleisen. Die beste Notwehr gegen das Bedrängende ist: Beschwören der Fundsachen, Reduktion der Farbigkeit, serielles Arbeiten. Und wir als Betrachter sind gefordert, auf ihren Bildern nach Mischwesen wie neunäugigen Toastern oder Bügeleisenfischen zu suchen.

Cordue arbeitet mit zwei Sieben, auf jedem Sieb sind mehrere Motive, wie etwa die Zeichnung auf der Einladung, wo sich Pferd und dunkler Fisch von Nina mit einem fremden Antlitz mischen. Die Siebdrucke sind phantasiefarbig und oft neben- oder übereinander frei angeordnet. Dazu kommt großflächige Malerei mit breitem Pinsel, ab und zu gibt es gestempelte Wörter bzw. Sätze und fragmentierte Schablonen, die Cordue 1993 schon für ihre Arbeit am Paternoster des Bremer Finanzamts verwendet hat.

Noch einmal zu Nina Koželj: Sie wurde 1985 in Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens, geboren. Dort studierte sie Design und Fotografie, danach freie Graphik, Keramik und Skulptur im Fach Kunstpädagogik. Seit 2011 leitet sie Skulptur- und Graphikkurse für Erwachsene im Art Zentrum »Pionirski dom« in Ljubljana. In den vergangenen Jahren hat sie Aufmerksamkeit erregt durch eigenwillige Galerie-Auftritte sowie durch zahlreiche Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Der Slowenische Verband der Fotografie zeichnete sie aus, und 2010 erhielt sie ein Stipendium der Schweizer Vordemberge-Gildewart Stiftung. Sie lebt und arbeitet in Stahovica bei Kamnik. Die slowenische Kritik lobt ihre scheinbar einfachen Arbeiten: “In einer entspannten und spontanen Art und Weise mischt sie Tiere, Figuren und archetypische Formen mit souveränen Pinselstrichen in lebendigen Farben, in schwer definierbaren Räumen. Ihre Bilder laden den Betrachter ein, mit der eigenen Vorstellungskraft und einer Vielzahl von assoziativen Deutungen zu spielen.”

Nina und Cordue haben sich vor zwei Jahren kennen gelernt. Sie sahen, dass ihre Arbeiten viele Gemeinsamkeiten haben und sich oft gegenseitig ergänzen. So entstand die Idee eines Austauschs über die Ländergrenzen hinweg: In Ljubljana stellten sie zusammen aus, ein Jahr darauf kam Nina nach Saarburg, um dort mit Cordue zu arbeiten und auszustellen. Gemeinsame Bilder zu malen, ist nicht gerade Usus im Künstlerdasein, aber es gelang ihnen – zunächst Mühe und Herausforderung, dann Geschenk, Glück und eine Art Wunder. Cordue fand in einem Antiquariat in Ljubljana ein altes slowenisch-deutsches Wörterbuch, Anlass für assoziative Spiele mit Sprache und Geschichte: komische Formulierungen und Sprachbilder. Dem Lexikon entsprangen papierne Figuren und Gegenstände, mit denen sie vier “Speisezimmer” bestückte. Ein Speisezimmer und das Glück, wie hängt das zusammen? Ja, Wörter können zu unberechenbaren Viren werden, wie es in einem Songtext von Laurie Anderson heißt:

Language! It’s a virus!

Well, I dreamed there was an island
That rose up from the sea.
And everybody on the island
Was somebody from TV.
And there was a beautiful view
But nobody could see.
Cause everybody on the island
Was saying: Look at me! Look at me! Look at me! Look at me!

Sprache ist ein Virus!
Mir träumte, da war eine Insel,
die ragte aus dem Meer.
Und jeder auf dieser Insel
Kam vom Fernsehen her.
Ein schöner Anblick fürwahr,
Aber niemand nahm ihn wahr.
Weil jeder auf dem Eiland
sagte: Schau mich an, schau mich an,
Schau mich an!

Damit komme ich zum Schluss – und zurück zum Anfang: Zum Titel der Ausstellung “Selfish”. Nicht Schellfisch, sondern Selfish. Es bedeutet auf Englisch soviel wie selbstbezogen oder selbstsüchtig. Für die beiden Künstlerinnen aber bedeutet es gleichsam ein doppeltes Selfie. Schaut uns an, schaut uns an! – Geht es darum letztendlich in jeder künstlerischen Äußerung: Sehen und Gesehen-Werden. Etwas zeigen, um verstanden zu werden. Jedes Bild ist Kommunikation, will wahrgenommen, gedeutet werden. Mir fällt dabei Goethe ein: “Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen,

Gefällt mir die Welt. – Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn,
Es sei, wie es wolle, es war doch so schön!”

Und ganz zum Schluss noch mal zu Knigge: Der kluge Freiherr zog in seinen letzten Lebensjahren hierher nach Bremen, wo er sogar zum Oberhauptmann ernannt wurde. Und obwohl er offen mit der Französischen Revolution sympathisierte, hat man doch im nahen Nobelstadtteil Oberneuland einen kleinen Weg nach ihm benannt – immerhin!

Rainer B. Schossig

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